Impact Canvas: Kurz- & Langfristiges simultan im Blick

Gesellschaftliche Initiativen wie SCHWEIZGESTALTEN setzen sich grosse Ziele, denen sie mit einzelnen konkreten Vorhaben schrittweise näherkommen. Das Impact Canvas ist ein Tool, um diese Vorhaben zu beschreiben und zu planen, ohne den Bezug zur Dachinitiative zu verlieren.

SCHWEIZGESTALTEN verfolgt das Ziel, Innovation und Digitalisierung für die Schweiz voranzutreiben. Doch wie können wir dieses Ziel am Horizont erreichen? Der Weg dahin scheint im Dunkeln zu liegen. Das vollständige Planen des Vorgehens stellt sich als schwierig heraus, denn gesellschaftliche Initiativen wie diese sind von zu vielen komplexen Faktoren beeinflusst, als dass sie von A bis Z planbar wären. Aus diesem Grund setzen wir den Fokus auf die Umsetzung statt auf Planen. Mit der Dachinitiative im Blick, starten wir mit einzelnen Themen und erkunden diese in konkreten Vorhaben (Beispiele wären «Robotik in der Alterspflege» oder «Autonomes Fahren im ÖV»). Dabei geht es in diesem ersten Schritt darum herauszufinden, wie und für wen beispielsweise eine neue Technik Nutzen stiften kann. Ein Vorhaben darf dabei auch scheitern – wichtig ist, dass Ideen ausprobiert werden und aus den Erkenntnissen gelernt wird. Mit diesen Erfahrungen tasten wir uns voran zum nächsten Vorhaben und korrigieren wenn nötig die Richtung, um auf dem Weg zu bleiben. So kommen wir dem Ziel am Horizont Schritt für Schritt näher.

Die Herausforderung bei diesem Vorgehen ist, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Auch um nicht rentable oder fehlgeschlagene Vorhaben der Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen ist es wichtig, jederzeit einen Bezug zur Dachinitiative herstellen zu können: Welchen Nutzen trägt das Vorhaben dem grösseren Ziel und schlussendlich der Gesellschaft bei?

Um diese Frage stets beantworten zu können, haben wir das Impact Canvas entwickelt. Während die linke Seite die Umsetzung eines konkreten Vorhabens plant, wird auf der rechten Seite stets das langfristige Ziel im Auge behalten. So soll sichergestellt werden, dass man mit den Themen stets auf dem Weg zum Ziel bleibt. Vereinfacht gesagt stellt die linke Seite dar, was gerade gemacht wird und die rechte Seite, was langfristig damit erreicht werden soll. Wichtig zu bemerken ist dabei auch, dass die Vorhaben (also die linke Seite des Canvas) nicht unbedingt rentieren müssen – vielmehr liegt der Fokus darauf herauszufinden, wie Nutzen kreiert werden kann. In einem zweiten Schritt, wenn ein funktionierendes und von Anwendern gewünschtes Angebot entwickelt wurde, wird schliesslich eine langfristige Ertragsmechanik erarbeitet.

Canvas mit Schatten

Die elf Felder des Canvas sind anhand folgender Fragen auszufüllen:

Wer ist beim Vorhaben dabei? Welche Stakeholder sind beteiligt, was sind deren (Wert)Beiträge an das Vorhaben und welche Erträge ziehen sie daraus?

Wie läuft das Vorhaben ab? Was sind die nächsten, konkreten Schritte, die anstehen?

Was wenn? / Risiken: Welche Aspekte/Ereignisse/Tatsachen könnten die erfolgreiche Umsetzung & Durchführung des Vorhabens gefährden?

Frühe Anwender: Wer gehört zu den Ersten, welche die Ergebnisse des Vorhabens gut finden und nutzen?

Kosten: Wie sieht die Kostenstruktur des Vorhabens aus?

Finanzierung: Wie wird das Vorhaben finanziert?

 

Was wird umgesetzt? Welche Ziele werden mittel- bis langfristig verfolgt?

Wozu? / Was ist der Nutzen für die Gesellschaft? Wozu verfolgen wir unsere Ziele? Auf welches Bedürfnis der Gesellschaft wird damit reagiert? Welchen Mehrwert schaffen wir und für wen?

Adaptions-Risiken: Was für Risiken oder gesellschaftliche Umstände könnten die langfristige Implementierung des Projekts erschweren?

Langfristige Kosten: Welche Kosten sind langfristig zu decken?

Langfristige Ertragsmechanik: Woher und auf welche Weise werden Einnahmen erwirtschaftet?

SCHWEIZGESTALTEN am Swiss Leadership Forum

Am Swiss Leadership Forum vom 22. November 2018 interviewte Stephan Isenschmid (Gastgeber SLF) Martin Kägi, den Initiator von SCHWEIZGESTALTEN:

Martin Kägi ist Unternehmer, Hochschuldozent und digitaler Vordenker. Er sagt: «Es ist an der Zeit, dass die Schweiz in Bezug auf die Digitalisierung selbstbewusst eigene Wege geht und der Welt damit zeigt, was sie drauf hat». Die Idee: Eine Schweizer Gemeinde wird das Vorzeigeprojekt der modernen und digitalen Schweiz. 

Martin, herzlich willkommen beim Swiss Leadership Forum. Ein bekannter, stets braungebrannter TV-Journalist beginnt solche Interviews immer mit «Wer bist du»?

Ich ent-wickle mit Weitblick ganzheitlich einfache Lösungen mit aktiven Gestaltern. Was mir dabei wichtig ist: Dinge vom Denken ins Handeln zu bringen. Es wird viel geredet, doch wenig konkret umgesetzt.

Deine Initiative heisst «SCHWEIZGESTALTEN», was beim ersten Hinhören nicht nach Digitalisierung tönt. Worum geht es denn genau?

Das ist genau der Punkt. SCHWEIZGESTALTEN ist eine gesellschaftliche Initiative, um Innovation und Digitalisierung mit konkreten Projekten für die Schweiz voranzutreiben. Dazu soll eine (oder mehrere) Gemeinden gefunden werden, welche als Digitale Vorzeigegemeinden innovative Projekte von Firmen ermöglichen.

Was unterscheidet dein Projekt von den Projekten der offiziellen Digitalen Schweiz, welche für mich oft als importierter digitaler Einheitsbrei daherkommen?

Wir werden konkrete Projekte vor Ort realisieren. Wir haben den Fokus auf der Umsetzung. Die Projekte sollen transparent und unter ständigem Einbezug der Menschen vor Ort stattfinden. Wir haben für viele Themen der Digitalisierung und der Innovation noch nicht alle Antworten parat. Darum legen wir den Fokus auf das Ausprobieren, das ständige Lernen und Verbessern.

Was funktioniert technisch? Was müssen wir besser oder anders machen, damit wir einen gesellschaftlichen Nutzen stiften können? Wir wollen die Digitalisierung ins Leben der Menschen bringen mit den Menschen. Es geht nicht um Technik oder Gesellschaft, sondern um Technik für die Gesellschaft.

Deine Vision ist es, im Jahr 2025 eine volldigitalisierte Gemeinde präsentieren zu können. Ist eine Volldigitalisierung im Gemeindewesen überhaupt möglich und Mehrheitsfähig?

Es gibt 2222 Gemeinden in der Schweiz (Stand Januar 2018).  Unter diesen wollen wir ein Dorf, eine kleine Stadt finden, welche sich als offene Plattform für SCHWEIZGESTALTEN sich zur Verfügung stellt möchte. Dort wollen wir dann möglichst viele konkrete Projekte umsetzen in einem offenen Dialog zwischen Firmen, Gesellschaft und Politik. Ein Ort wo insbesondere die gesellschaftlichen Auswirkungen der technischen Veränderung am konkreten Beispiel diskutiert werden können. Wo die Technik dann auch angepasst und weiterentwickelt werden kann.

Mittelfristig ist auch denkbar, dass daraus ein Netzwerk von Gemeinden entsteht oder eine Art Label, wo Gemeinden offen mitmachen können.

Wie gehst du konkret vor?

Es gibt ja Hunderte von möglichen Beispielen und Anwendungsfällen. Überall können wir darüber lesen. Es wird viel diskutiert. Es dürfte noch viel mehr Orte geben, wo konkrete Beispiele erlebt werden können. Die Beispiele sind klar und machen Sinn, oft sind sie technisch schon gut machbar. Trotzdem werden sie kaum eingesetzt und ausprobiert.

Gerne möchte ich drei Beispiele machen:

Erstens, Altenpflege mit Pflegerobotern, wenn es darum geht Menschen in der Pflege zu transportieren und aufzurichten. Oder auch Roboter-Kuscheltiere mit welchen bei Alzheimerpatienten gute Erfahrungen gemacht wurden. Hier wären aus unserer Sicht konkrete Erfahrungen von Pflegenden und Pflegebedürftigen wichtig. Da braucht es reale Fälle an denen gearbeitet, ausprobiert und verbessert werden kann. Nur darüber zu diskutieren, ob das etwas Gutes sei, ob es ethisch vertretbar sei – im Luftleeren Raum sozusagen – bringt nicht viel.

Zweitens, das Smarthome Thema. Hier ist technisch schon sehr viel verfügbar. Hier treten dann mehr die gesellschaftlichen Themen des Sicherheitsgefühls oder der Überwachung in den Vordergrund. Statt unsere Daten ins Silicon Valley zu verschenken, wäre es doch interessanter bei uns solche Versuche zu lancieren und ganz genau zu verfolgen, welche Aspekte für die Menschen welchen Nutzen stiften.

Drittens, der Nahverkehr und das autonome Fahren. Auch hier können wir warten bis ausländische Konzerne alle möglichen Probleme gelöst haben oder wir können beginnen erste kurze und einfache Busrouten (als Beispiel) elektrisch und autonom fahrend auszurüsten. Die Technik ist da. Die Gesellschaft und auch die Regulatoren brauchen mehr Erfahrungen damit. Wenn wir nicht damit anfangen, dann wird nichts passieren. Es gäbe uns die Möglichkeit entlegene Weiler oder Teile von Dörfern, welche nicht mehr vom öffentlichen Verkehr bedient werden wieder anzuschliessen.

Durch die örtliche Nähe all dieser Vorhaben, werden im Austausch der Firmen bestimme auch weitere Beispiele entstehen, die wir bis heute noch gar nicht denken können. (Cluster-Bildung)

Um SCHWEIZGESTALTEN zu realisieren brauchen wir darum visionäre Firmenchefs aber auch Politiker, welche in ihren Gemeinden etwas bewegen wollen. Nicht Partikularinteressen von einzelnen, sondern Offenheit, Transparenz und Wirkung für alle Beteiligten sollen im Vordergrund stehen. Hohe Ansprüche – ja ich weiss.

Auf welche Stolpersteine bereitest du dich vor?

Ein erstes Risiko ist natürlich, dass wir nicht genügend Organisationen finden, die die Idee stützen und daran aktiv mitgestalten wollen. Aber wenn ich heute hier in die Runde schaue, bin ich da nicht so skeptisch. Für die Firmen gibt es ja dank SCHWEIZGESTALTEN die Möglichkeit bereits bestehende Initiativen und Digitalisierungsstrategien schneller in die Umsetzung zu bringen.

Weiter rechne ich mit diversen regulatorischen Herausforderungen, wo wir auch die entsprechenden Stellen auf Ebene Gemeinde und Kanton mit an den Tisch bringen werden. Für regulierte Freiräume und spezielle Möglichkeiten auf Zeit. Denn auch die Regulatoren werden sich ja früher oder später weiterentwickeln müssen.

Zuletzt besteht natürlich das Risiko, dass wir zu lange an den Themen herumdiskutieren und nicht konkret genug werden. Darum wirklich wichtig: konkrete Projekte, sich die Finger schmutzig machen. Kein Show-Programm.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Heute pilgern ja alle ins Silicon Valley und glauben, dass sie auf den Study Tours lernen könnten wie Innovation und Digitalisierung funktioniert. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Menschen wieder vermehrt in die Schweiz pilgern und sich inspirieren lassen wie Innovation konkret und mit den Menschen funktionieren kann.

Schliesslich findet die digitale Schweiz, in der Schweiz statt!

Herzlichen Dank, Martin!