SCHWEIZGESTALTEN am Swiss Leadership Forum

Am Swiss Leadership Forum vom 22. November 2018 interviewte Stephan Isenschmid (Gastgeber SLF) Martin Kägi, den Initiator von SCHWEIZGESTALTEN:

Martin Kägi ist Unternehmer, Hochschuldozent und digitaler Vordenker. Er sagt: «Es ist an der Zeit, dass die Schweiz in Bezug auf die Digitalisierung selbstbewusst eigene Wege geht und der Welt damit zeigt, was sie drauf hat». Die Idee: Eine Schweizer Gemeinde wird das Vorzeigeprojekt der modernen und digitalen Schweiz. 

Martin, herzlich willkommen beim Swiss Leadership Forum. Ein bekannter, stets braungebrannter TV-Journalist beginnt solche Interviews immer mit «Wer bist du»?

Ich ent-wickle mit Weitblick ganzheitlich einfache Lösungen mit aktiven Gestaltern. Was mir dabei wichtig ist: Dinge vom Denken ins Handeln zu bringen. Es wird viel geredet, doch wenig konkret umgesetzt.

Deine Initiative heisst «SCHWEIZGESTALTEN», was beim ersten Hinhören nicht nach Digitalisierung tönt. Worum geht es denn genau?

Das ist genau der Punkt. SCHWEIZGESTALTEN ist eine gesellschaftliche Initiative, um Innovation und Digitalisierung mit konkreten Projekten für die Schweiz voranzutreiben. Dazu soll eine (oder mehrere) Gemeinden gefunden werden, welche als Digitale Vorzeigegemeinden innovative Projekte von Firmen ermöglichen.

Was unterscheidet dein Projekt von den Projekten der offiziellen Digitalen Schweiz, welche für mich oft als importierter digitaler Einheitsbrei daherkommen?

Wir werden konkrete Projekte vor Ort realisieren. Wir haben den Fokus auf der Umsetzung. Die Projekte sollen transparent und unter ständigem Einbezug der Menschen vor Ort stattfinden. Wir haben für viele Themen der Digitalisierung und der Innovation noch nicht alle Antworten parat. Darum legen wir den Fokus auf das Ausprobieren, das ständige Lernen und Verbessern.

Was funktioniert technisch? Was müssen wir besser oder anders machen, damit wir einen gesellschaftlichen Nutzen stiften können? Wir wollen die Digitalisierung ins Leben der Menschen bringen mit den Menschen. Es geht nicht um Technik oder Gesellschaft, sondern um Technik für die Gesellschaft.

Deine Vision ist es, im Jahr 2025 eine volldigitalisierte Gemeinde präsentieren zu können. Ist eine Volldigitalisierung im Gemeindewesen überhaupt möglich und Mehrheitsfähig?

Es gibt 2222 Gemeinden in der Schweiz (Stand Januar 2018).  Unter diesen wollen wir ein Dorf, eine kleine Stadt finden, welche sich als offene Plattform für SCHWEIZGESTALTEN sich zur Verfügung stellt möchte. Dort wollen wir dann möglichst viele konkrete Projekte umsetzen in einem offenen Dialog zwischen Firmen, Gesellschaft und Politik. Ein Ort wo insbesondere die gesellschaftlichen Auswirkungen der technischen Veränderung am konkreten Beispiel diskutiert werden können. Wo die Technik dann auch angepasst und weiterentwickelt werden kann.

Mittelfristig ist auch denkbar, dass daraus ein Netzwerk von Gemeinden entsteht oder eine Art Label, wo Gemeinden offen mitmachen können.

Wie gehst du konkret vor?

Es gibt ja Hunderte von möglichen Beispielen und Anwendungsfällen. Überall können wir darüber lesen. Es wird viel diskutiert. Es dürfte noch viel mehr Orte geben, wo konkrete Beispiele erlebt werden können. Die Beispiele sind klar und machen Sinn, oft sind sie technisch schon gut machbar. Trotzdem werden sie kaum eingesetzt und ausprobiert.

Gerne möchte ich drei Beispiele machen:

Erstens, Altenpflege mit Pflegerobotern, wenn es darum geht Menschen in der Pflege zu transportieren und aufzurichten. Oder auch Roboter-Kuscheltiere mit welchen bei Alzheimerpatienten gute Erfahrungen gemacht wurden. Hier wären aus unserer Sicht konkrete Erfahrungen von Pflegenden und Pflegebedürftigen wichtig. Da braucht es reale Fälle an denen gearbeitet, ausprobiert und verbessert werden kann. Nur darüber zu diskutieren, ob das etwas Gutes sei, ob es ethisch vertretbar sei – im Luftleeren Raum sozusagen – bringt nicht viel.

Zweitens, das Smarthome Thema. Hier ist technisch schon sehr viel verfügbar. Hier treten dann mehr die gesellschaftlichen Themen des Sicherheitsgefühls oder der Überwachung in den Vordergrund. Statt unsere Daten ins Silicon Valley zu verschenken, wäre es doch interessanter bei uns solche Versuche zu lancieren und ganz genau zu verfolgen, welche Aspekte für die Menschen welchen Nutzen stiften.

Drittens, der Nahverkehr und das autonome Fahren. Auch hier können wir warten bis ausländische Konzerne alle möglichen Probleme gelöst haben oder wir können beginnen erste kurze und einfache Busrouten (als Beispiel) elektrisch und autonom fahrend auszurüsten. Die Technik ist da. Die Gesellschaft und auch die Regulatoren brauchen mehr Erfahrungen damit. Wenn wir nicht damit anfangen, dann wird nichts passieren. Es gäbe uns die Möglichkeit entlegene Weiler oder Teile von Dörfern, welche nicht mehr vom öffentlichen Verkehr bedient werden wieder anzuschliessen.

Durch die örtliche Nähe all dieser Vorhaben, werden im Austausch der Firmen bestimme auch weitere Beispiele entstehen, die wir bis heute noch gar nicht denken können. (Cluster-Bildung)

Um SCHWEIZGESTALTEN zu realisieren brauchen wir darum visionäre Firmenchefs aber auch Politiker, welche in ihren Gemeinden etwas bewegen wollen. Nicht Partikularinteressen von einzelnen, sondern Offenheit, Transparenz und Wirkung für alle Beteiligten sollen im Vordergrund stehen. Hohe Ansprüche – ja ich weiss.

Auf welche Stolpersteine bereitest du dich vor?

Ein erstes Risiko ist natürlich, dass wir nicht genügend Organisationen finden, die die Idee stützen und daran aktiv mitgestalten wollen. Aber wenn ich heute hier in die Runde schaue, bin ich da nicht so skeptisch. Für die Firmen gibt es ja dank SCHWEIZGESTALTEN die Möglichkeit bereits bestehende Initiativen und Digitalisierungsstrategien schneller in die Umsetzung zu bringen.

Weiter rechne ich mit diversen regulatorischen Herausforderungen, wo wir auch die entsprechenden Stellen auf Ebene Gemeinde und Kanton mit an den Tisch bringen werden. Für regulierte Freiräume und spezielle Möglichkeiten auf Zeit. Denn auch die Regulatoren werden sich ja früher oder später weiterentwickeln müssen.

Zuletzt besteht natürlich das Risiko, dass wir zu lange an den Themen herumdiskutieren und nicht konkret genug werden. Darum wirklich wichtig: konkrete Projekte, sich die Finger schmutzig machen. Kein Show-Programm.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Heute pilgern ja alle ins Silicon Valley und glauben, dass sie auf den Study Tours lernen könnten wie Innovation und Digitalisierung funktioniert. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Menschen wieder vermehrt in die Schweiz pilgern und sich inspirieren lassen wie Innovation konkret und mit den Menschen funktionieren kann.

Schliesslich findet die digitale Schweiz, in der Schweiz statt!

Herzlichen Dank, Martin!

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